Am Sonntag und am Montag herrschen identische Wetterbedingungen. Das ausgeprägte zentrale Hochdruckgebiet über Mitteleuropa beschert uns im Alpenraum nur mäßiges Flugwetter. Zwar sorgt die Sonneneinstrahlung für thermischen Aufwind, die extrem trockene Luft unterbindet aber die für uns Segelflieger so wichtige Wolkenbildung. Diese Quellwolken zeigen uns schließlich den Aufwind an und erleichtern uns die Entscheidung, auch größere Flugstrecken sicher durchzuführen.
Durch die niedrigen Windgeschwindigkeiten der Hochdruckzone fehlt uns zudem eine weitere sichere Aufwindquelle, nämlich der Hangaufwind. Mindestens 20 km/h Windgeschwindigkeit sind schon erforderlich, um an einem angeblasenen Berg zügig aufsteigen zu können.
Der zweite Flugtag beginnt erstmal sehr vielversprechend. Nach dem Ausklinken erreichen wir an der Südostkante des Montagne de l' Aup bei mäßigem aber konstantem Steigen die komfortable Höhe von 2200 Metern. Das Abfliegen weiterer möglicher Aufwindstellen in der Umgebung bringt uns aber nicht weiter. Um in den Genuß größerer Höhen zu kommen ist es erforderlich, die höheren Berge im Osten zu erreichen. Wir wagen also den Sprung über das breite Durance-Tal und verlassen erstmals den Gleitbereich unseres Heimatflugplatzes. Die Tete de Boursier erreichen wir in 1200 Metern. Diese bringt leider nicht den erhofften Aufwind, wir können gerade mal die Höhe halten. Den Weiterflug zum mehr versprechenden Malaup wagen wir nicht, denn das Misslingen dieses Vorhabens hätte unausweichlich zur Außenlandung in La Motte geführt. So haben wir immer noch den Flugplatz Gap-Tallard im Gleitbereich.
Nachdem wir eine halbe Stunde ohne Erfolg den Hang "polieren", kommt die berechtigte Frage auf: Schaffen wir den Heimflug oder müssen wir in Gap-Tallard landen? Der Direktanflug von Serres ist aus unserer niedrigen Position nicht unproblematisch. Auch wenn es vom Gleitwinkel theoretisch reichen würde, befindet sich mit dem Col de Faye ein Gebirgspass im Weg. Hinzu kommt, dass durch die sog. Düsenwirkung bei möglichem Westwind der Gegenwind zu stark wird. Die Entscheidung für den Direktanflug können wir nur treffen, wenn auf der anderen Talseite noch zuverlässiger Aufwind zu erwarten ist. Auslöser dieser Thermik kann nur die Crete des Selles sein, eine niedrige, lange, wellige Gesteinsformation.
Glücklicherweise signalisiert uns die Rauchentwicklung eines Kartoffelfeuers am Col de Faye, dass die Crete des Selles aus südlicher Richtung leicht angeblasen wird. Die stundenlange Sonneneinstrahlung der Crete kommt begünstigend hinzu und lässt uns den Heimflug wagen. Beim Anflug der kritischen Zone haben wir stets den Flugplatz Gap-Tallard im Focus. Solange wir diesen sicher erreichen, wagen wir uns weiter heimwärts.
Beim Anflug der Crete des Selles beginnt bereits leichtes, anhaltendes Steigen. 5 km weiter wird das Steigen stärker und wir kreisen ein. Noch immer wäre Gap problemlos zu erreichen, wir steigen aber weiter auf 1800 m. Nun ist die Rückkehr nach Serres gesichert und wir dürfen bei weiterem Steigen den letzten Teil unseres Fluges geniessen. Am Aujour kommen wir auf die grösste Höhe des Tages, machen noch ein paar Fotos und landen zufrieden nach 3 Stunden Flugzeit.
Am folgenden Tag beginnt
unser dritter Flug sehr mühsam. Nach dem Ausklinken kämpfen wir am Montagne de l' Aup mit vier weiteren Seglern um jeden Höhenmeter. Vergeblich. Nach einer Stunde versuchen wir über dem Tal unser Glück und finden tatsächlich einen schwachen Bart. Dessen sorgfältige Pflege bringt uns 400 Meter höher. Völlig überraschend katapultiert uns am Col de Cabre ein Dreimeterbart auf 2700 Meter und wir fahren weiter zum Pic de Bure. Dessen Westflanke trägt uns etwas über Gipfelhöhe und beschert uns einen tollen Ausblick.
Sichtlich motiviert nehmen wir die Nordseite des Lac de Serre-Poncon ins Visier. Dies ist einer der größten Stauseen Europas. Nach 30 km aufwindlosem Gleiten kommen wir in niedriger Höhe am Parias an. Nach mühsamem Höhengewinn von 500 m ist dann aber Schluss und wir stehen vor der selben Aufgabe wie tags zuvor: Gap-Tallard liegt noch im Gleitbereich, der Heimflug ist wieder Glücksache.
Wir steuern den südöstlich von Gap gelegenen Höhenzug Sommet de Montsérieux an und fliegen ihn geduldig ab. In 1500 m angekommen hat der Thermikgott ein Einsehen und lupft uns auf 1800 m. Genug Höhe, um nach dem selben Verfahren wie am Vortag entlang der Crete des Selles den Heimflug anzutreten.
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gene - 10. Mär, 08:16